innovative Erfassungstechnologie feiert Premiere

Zustandserfassung der Rad- und Gehwege der Hansestadt Lübeck

Die zielgerichtete Erhaltung der Straßen sowie der Geh- und Radwege ist für die Entwicklung einer nachhaltigen Mobilität von großer Bedeutung. Dafür sind neben einem geeigneten Managementansatz insbesondere Daten zum Bestand und Zustand der Infrastruktur erforderlich.

Bausenatorin Joanna Hagen präsentiert das neue Messverfahren

Die Hansestadt Lübeck führte im Sommer 2018 erstmalig eine messtechnische Zustandserfassung und -bewertung (ZEB) der in der Baulast Stadt befindlichen Vorbehalts- und Nebenstraßen durch.

Das Projekt wurde von der in Darmstadt ansässigen HELLER Ingenieurgesellschaft mbH realisiert. Das Ingenieurbüro hat dazu zunächst ein Konzept erarbeitet und im weiteren Verlauf die Aus- und Bewertung der Zustandsdaten realisiert. Hierzu zählte neben der Darstellung des aktuellen Zustands insbesondere auch die Bestimmung der erhaltungsbedürftigen Streckenabschnitte und des Gesamterhaltungsbedarfs. Die Ergebnisse wurden für die Haushaltsplanung und die Gestaltung des Bauprogramms der Hansestadt eingesetzt. Das Verfahren wurde so konzipiert, dass die Ergebnisse zukünftig effizient fortgeschrieben werden können.

Aufgrund der positiven Erfahrungen wurde das Konzept 2019 auf die Geh- und Radwege der Hansestadt erweitert. Aktuell wurde der Bestand und Zustand des Radwegenetzes auf einer Länge von ca. 200 km messtechnisch erfasst. Parallel dazu läuft die Zustandserfassung der Gehwege mit einer Länge von ca. 1.200 km. Die Ergebnisse sollen in der zweiten Jahreshälfte vorliegen.

Zustandserfassung und -bewertung der Geh- und Radwege

Die Zustandserfassung der Geh- und Radwegen erfolgt durch die kommunalen Baulastträger üblicherweise im Rahmen des betrieblichen Unterhalts. Dabei werden potenzielle Gefahrenstellen, wie z.B. Schlaglöcher, im Rahmen der regelmäßigen Begehung identifiziert und behoben. Sofern es punktuelle Reparaturen nicht mehr sinnvoll erscheinen, werden z.T. auch größere Streckenabschnitte in das Erhaltungsprogramm übernommen und dann vollflächig saniert.

Ziel des aktuell realisierten Projektes ist es, den rückständigen Erhaltungsbedarf des Gesamtnetzes der Geh- und Radwege abzubilden und den zukünftigen Mittelbedarf abzuschätzen. Dazu werden in der Hansestadt Lübeck erstmals messtechnische Verfahren eingesetzt.

Die Oberflächenschäden der Radwege werden dabei mit Kameras fototechnisch erhoben und die Ebenheit mittels Laser erfasst und bewertet. Aktuell kommt dazu hoch spezialisierte Messtechnik des Unternehmens TÜV Rheinland Schniering GmbH zum Einsatz. Die in Essen ansässige Firma ist seit den frühen 1990er Jahren im Bereich der Straßenzustandserfassung tätig und hat bereits zahlreiche vergleichbare Projekte im Bereich der Radwegeinfrastruktur realisiert.

Ein wesentlicher Vorteil des messtechnischen Ansatzes ist, dass der Zustand sehr effizient und schnell erfasst werden kann. Darüber hinaus ist das Verfahren sehr transparent und im Wesentlichen frei von subjektiven Einflüssen. Die Erfassung lässt sich zukünftig wiederholen . Damit lässt sich dann auch die Entwicklung des Netzes beschreiben bzw. der Erfolg der Erhaltungsplanung bewerten.

Während die messtechnische Erfassung der Radwege bereits seit 2006 bundesweit immer neue Anwender findet, gab es für die Zustandserfassung der Gehwege bisher keine vergleichbaren Standards und Verfahren am Markt. Aufgrund der z.T. sehr schmalen Gehwege schied ein Einsatz der für die Radwege vorgesehenen ATV (All Terrain Vehicle) für die Befahrung der Gehwege aus.

Gemeinsam mit den Experten der HELLER Ingenieurgesellschaft mbH entschied sich die Hansestadt Lübeck daher neue Wege zu gehen und ein neues Messverfahren zu konzipieren. Bei dem innovativen Ansatz wird der Gehweg mit einem E-Scooter der Heller Consult Sp. z o.o. aus Warschau  befahren und der Zustand mittels Kamera und spezieller Sensorik erfasst. Die Ebenheit wird aus Sicht des Nutzers bewertet. Anhand der erfassten Daten lassen sich die durch Unebenheiten hervorgerufenen, auf das Fahrzeug einwirkenden Kräfte darstellen. Darüber hinaus lässt sich die Geometrie der Oberfläche in Form eines Höhenlängsprofils bestimmen. Die für die Messungen verwendeten Räder sind mit den Vorderrädern eines Rollstuhls bzw. den Rädern eines Rollators vergleichbar. Daher kann insbesondere auch auf die Bedürfnisse von älteren bzw. gehbehinderten Menschen eingegangen werden. Die Verortung der Daten erfolgt über Geokoordinaten. Die bei der Messung erfassten, hochauflösenden Streckenbilder können zur Bewertung des erforderlichen Substanzerhalts und sonstiger relevanter Informationen genutzt werden. KFZ-Kennzeichen und Gesichter werden automatisiert anonymisiert.

Am 4. Juni 2020 fand ein Pressetermin mit lokalen Medien und der lübecker Straßenbauverwaltung statt. "Neben dem Ausbau der Radwege müssen wir uns intensiv mit dem Bestandsnetz befassen. Radfahren soll sicher sein und Spaß machen. Das geht nur, wenn wir kontinuierlich in Fahrsicherheit und Fahrkomfort investieren", so Bausenatorin Joanna Hagen. "Dafür brauchen wir die erforderlichen Mittel und einen strategischen Ansatz. Aber auch um unsere Gehwege wollen wir uns kümmern. Die Gehwege sind in die Jahre gekommen und benötigen dringend eine Frischzellenkur."

Bild oben: Sachgebietsleiter Straßenerhaltung Oliver Neß (links) und Bausenatorin Joanna Hagen (Bildmitte)

Weitere Informationen:

Hansestadt Lübeck

HL-Live.de

Lübecker Nachrichten

RSH

Weitere Bilder:

ASPEN - Erfassung der Gehwege (HELLER Consult sp. z o.o.)
Erfassung der Radwege - ARGUS AGIL (TÜV Rheinland Schniering GmbH)